Qualitätsfleisch aus tiergerechter und umweltschonender Haltung

27.07.2021
3 Fragen an: Prof. Dr. Dr. Kai Frölich, Direktor des Arche Warder Tierparks

Kai, du bist Direktor des Arche Warder e.V.  Arche Warder ist ein überregional bedeutsamer Tierpark für vom Aussterben bedrohter Nutztierarten. Warum ist Arche Warder Mitglied im NEULAND-Verbund geworden?

Der Tierpark Arche Warder hat den Anspruch Vorreiter zu sein in:

(1) zoologischer Kompetenz,

(2) zukunftsweisender Tierhaltung,

(3) ästhetischer Gehegegestaltung,

(4) moderner, wissenschaftlich gestützter Erhaltungszucht,

(5) Forschung auf hohem Niveau,

(6) nachhaltige Ressourcenverwaltung und

(7) betriebswirtschaftlicher Solidität.

Diese Aspekte werden mit Hilfe von 5 Säulen des Grundkonzeptes des Parks umgesetzt:
I. professionelle Erhaltungszucht
II. Satellitenstationen
III. Anspruchsvolle Bildungsangebote („hautnahe“ Umweltbildung)
IV. Vernetzungen mit nationalen / internationalen Institutionen
V. Forschung
Artgerechte Haltungsbedingungen und Tierschutz sind uns im Tierpark Arche Warder besonders wichtig und als Mitglied im NEULAND-Verbund steht die Arche Warder eben für diese art- und naturgerechte Haltung und Aufzucht der Tiere sowie vor allem für Tierschutz in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung.
Aber auch das bewusste Genießen ist Teil des holistischen Konzeptes. Besucher sollen erfahren, dass es eine Alternative zur Massentierproduktion und zur herkömmlichen Ernährung gibt. Deshalb produzieren wir unser Fleisch nach NEULAND-Richtlinien und bemühen uns, den Stress der Schlachttiere bei der Beförderung und bei der Schlachtung selbst so gering wie möglich zu halten.

Alte, vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen, haben oft ein geringeres Leistungspotential, bezüglich Mastleistungen und anderer konventioneller Parameter. Warum ist es dennoch wichtig diese zu erhalten? Kann auch der Naturschutz davon profitieren?

Alte Nutztierrassen haben uns Menschen über einen langen Zeitraum begleitet und zu unserer kulturellen Entwicklung wesentlich beigetragen. Die landwirtschaftliche Nutzung formte im Laufe der Jahrhunderte vielfältige Kulturlandschaften, die durch eine hohe Biodiversität charakterisiert waren. Im Rahmen der Nutztierhaltung wurden außerdem Rassen gezüchtet, die an unterschiedliche Standortbedingungen angepasst sind. Diese sogenannten autochthonen Rassen gehören zum kulturhistorischen Erbe einer jeweiligen Region und haben wesentlich zur Entstehung der regionaltypischen Landschaften Europas beigetragen.
Rassebezeichnungen wie Heidschnucke, Hinterwälder Rind oder Exmoorpony weisen auf die Bedeutung dieser Tiere für die entsprechenden Landschaften hin.

Die heutige Landwirtschaft ermöglicht es, die Ernährung vieler Menschen zu sichern. Gleichwohl steht sie derzeit vor einer der größten Herausforderungen: Einerseits muss eine immer höhere Produktivität erreicht werden, um eine zunehmende Zahl an Menschen zu ernähren; andererseits hat die Landwirtschaft eine besondere Verantwortung für den Erhalt von Biodiversität, weil sie große Landschaftsflächen beansprucht.
Fast alle sind sich daher einig, dass eine Transformation der derzeitigen Produktionsverfahren notwendig ist. Nur wie diese verlaufen soll und in welcher Geschwindigkeit sie vollzogen werden muss, wird kontrovers diskutiert. Dabei wäre folgender dichotomer Lösungsansatz denkbar: (1) Eine extensive Bewirtschaftung von Flächen kann zum Erhalt der Biodiversität und von Ökosystemleistungen beitragen. (2) Neue Wege der intensiven, aber ressourcenschonenden Landwirtschaft wie das „Precision Farming“ im Zuge der Digitalisierung der Landwirtschaft ermöglicht hohe Erträge und Effizienz bei niedrigem Pestizid- und Dünger Einsatz.

In der extensiven Landwirtschaft werden zurzeit leider auch vielfach Hochleistungsrassen gehalten, die dafür aber nicht immer optimal geeignet sind. Dies führt zu Problemen, denn diese Rassen wurden für maximale Leistung in intensiver Haltung gezüchtet und sind z.B. auf energiereiches Futter angewiesen. Für die extensive Bewirtschaftung von Flächen sind stattdessen alte Rassen besonders geeignet. Sie sollten daher zukünftig vermehrt in ein differenziertes Managementkonzept der naturnahen großflächigen Weidelandschaft einbezogen werden. Diese alten Nutztierrassen wären in der Lage, eine Schlüsselposition im Rahmen der extensiven Beweidungsformen einzunehmen, da sie folgende Eigenschaften aufweisen:
1. optimale Anpassung an lokale Standorte,
2. effiziente Verwertung nährstoffarmen Futters und weitestgehende Unabhängigkeit von energiereichem Futter,
3. Widerstandsfähigkeit gegenüber lokalen Witterungseinflüssen und klimatischen Besonderheiten (Temperaturanpassungen),
4. Stressresistenz,
5. komplikationslose Geburten und Aufzucht der Nachkommen,
6. hohe immunologische Kompetenz gegenüber Krankheitserregern auch aufgrund hoher genetischer Variabilität.

Robuste, alte Rassen können also diesen Kriterien zufolge ganzjährig auf marginalen Weideflächen gehalten werden und bewältigen die verschiedenen Umwelteinflüsse besser als Hochleistungsrassen. Daher können alte Rassen auf diese Weise zur nachhaltigen Pflege von Kulturlandschaften eine zentrale Rolle spielen. Der Einfluss großer Herbivoren war in der Naturlandschaft Mitteleuropas zudem immer ein wichtiger Faktor. Durch den differenzierten Einsatz von Grasfressern wie Rindern und Pferden können artenreiche Weiden geschaffen und langfristig erhalten werden. Dabei nimmt mit der Größe der beweideten Flächen auch die Widerstandsfähigkeit des Weidesystems zu.

Wenn man sich so viel Mühe für den Erhalt der alten Rassen macht, darf man diese dann auch essen?

Ja, natürlich, gleichwohl ist der Ansatz „Schützen durch Essen“ meines Erachtens nicht umfangreich genug. Der dauerhafte und nachhaltige Erhalt der Rassevielfalt kann nur erfolgen, wenn die alten Nutztierrassen wieder umfänglich genutzt und als regionale (Kulturgut) Spezialitäten auch vermarktet werden, d.h. es sollte besser heißen „Erhalt durch vielfältige Nutzung“. Und dazu gehört neben der Nutzung der tierischen Primärprodukte (Fleisch, Milch, Eier, Honig etc.) vor allem auch der Einsatz alter Rassen im Naturschutz, z.B. bei der Offenhaltung von extensiven Flächen.
In der Arche Warder bieten wir bewusst Wurst- und Fleischerzeugnisse unserer Tiere sowohl im Hofladen als auch in unserem Restaurant an. So sollen auch unsere Besucher für die eigenen Essgewohnheiten und die Haltung und Herkunft der Nutztiere sensibilisiert werden. Viele alte Nutztierrassen, die in der Arche Warder gezüchtet werden, können durch die Vermarktung ihrer Produkte eine neue Bedeutung erfahren.


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